Warum Scrum mir nicht in den Kopf geht
Du möchtest, dass ein Thema für mich unattraktiv wird, die Gedanken mich nicht packen und ich mir so gut wie nichts davon merken kann? Hier eine einfache Anleitung, wie du genau das erreichen kannst:
Erstens: Bevor du überhaupt anfängst, deine Idee zu formulieren, (er)findest du an die 20 neue Begriffe. Nicht unbedingt ganz neu, aber neu in diesem Zusammenhang. Du kannst munter Anleihen im Sport (zum Beispiel Rugby), im Verkehrswesen oder in der Baubranche machen. Hauptsache, es sind alles Hauptwörter. Die helfen dir nämlich beim nächsten Punkt.
Zweitens: Du schreibst für eine einfache Sache eine komplizierte Anleitung. Verwende möglichst wenige Verben und möglichst viele Nomen. Dann klingt auch die schlichteste Aussage irgendwie schwierig und damit intelligent. Und wenn du mal nicht darum herumkommst, ein Verb einzubauen, dann nimm wenigstens ein anstrengendes, vorzugsweise „müssen“.
Drittens: Natürlich schreibst du niemals ich oder du, sondern man. Nie aktiv, sondern passiv. Und du erzählst auf keinen Fall Geschichten. Denn Storytelling kann die Sache spannend machen, und das willst du ja unbedingt vermeiden.
Viertens: Zusammenhänge, die du mit einfachen Schaubildern plastisch und nachvollziehbar darstellen könntest, beschreibst du stattdessen mit vielen Worten. Mit Bildern musst du bei mir vorsichtig sein. Die kapiere ich nämlich oft, und, schlimmer noch: Ich kann sie mir meist sogar merken.
Wenn du diese einfachen Regeln konsequent befolgst, hast du vielleicht einen Scrum Guide geschrieben. Dann entschuldige ich mich aufrichtig bei dir – wirklich aufrichtig – für diese ironischen Zeilen! Denn mit Sicherheit ist Scrum eine gute Sache. Doch ich hab mich schon oft gefragt, warum sie mich irgendwie nicht packt. Obwohl Menschen, von denen ich viel halte, viel davon halten.
Heute habe ich noch mal einen Versuch gestartet und mir den Guide vorgeknöpft. Und finde erfreulich, dass sich bei der aktuellen Version (November 2020) gegenüber der von 2017 sprachlich einiges zum Guten gewendet hat. Doch ich bin mir sicher: In dieser Hinsicht schlummert noch einiges im Backlog. Falls nicht, sollte euer Product Owner noch mal ganz ehrlich an seiner Definition of Done arbeiten!
P.S. Dieses Video hat mich fast mit Scrum versöhnt! Vielleicht bin ich ja doch kein hoffnungsloser Fall. Danke, Sohrab Salimi!